Der winterliche Obstbaumschnitt
Der winterliche Schnitt von Obstbäumen ist eine der wichtigsten Pflegemaßnahmen im Obstgarten. Er ist entscheidend für die Gesundheit des Baumes, die Qualität der Früchte und die Stabilität des Kronenaufbaus. Im Winter, wenn die Bäume in der Ruhephase sind, bietet sich eine gute Übersicht über die Krone, da keine Blätter den Blick behindern.
Basierend auf bewährten Gärtnerpraktiken wird der Schnitt vor allem bei Kernobstbäumen (wie Apfel und Birne) empfohlen, während Steinobstbäume (wie Kirsche oder Pflaume) eher im Sommer geschnitten werden.
Warum im Winter schneiden? Vorteile und Grundlagen
Der Schnitt zwischen Januar und März (vor dem Austrieb) hat spezifische physiologische Auswirkungen auf den Baum:
- Die Saftruhe: Der Baum hat seine Reservestoffe aus den Blättern in den Stamm und die Wurzeln verlagert. Ein Schnitt jetzt bedeutet minimalen Energieverlust.
- Die Übersicht: Ohne Laub ist das Kronengerüst, Fehlentwicklungen und krankes Holz klar erkennbar.
- Die Wuchsanregung: Der Winterschnitt wirkt – im Gegensatz zum Sommerschnitt – wuchsanregend. Je stärker der Rückschnitt im Winter, desto kräftiger der Neuaustrieb im Frühjahr. Dies ist ideal, um alte Bäume zu verjüngen oder den Aufbau junger Bäume zu fördern.
Allerdings birgt der Winterschnitt Risiken: Bei Temperaturen unter -5 °C wird das Holz spröde und kann reißen. Idealer Zeitraum ist daher der Spätwinter (Februar bis April), vor dem Knospenaustrieb, aber nach starken Frösten. In Deutschland gilt vom 1. März bis 30. September ein Schnittverbot für starke Eingriffe, um Vögel zu schützen – nur leichte Pflegeschnitte sind erlaubt. Trockenes Wetter ist vorzuziehen, um Infektionen zu vermeiden.

Eine Baumsäge mit Zugzahnung in Aktion. Die spezielle Zahnung ermöglicht einen schnellen und sauberen Schnitt durch dickere Äste.
Vorbereitung: Das richtige Werkzeug
Ein sauberer Schnitt ist die beste Wundversorgung. Quetschungen oder ausgefranste Ränder sind Eintrittspforten für Pilze und Bakterien. Daher gilt: Investieren Sie in Qualitätswerkzeug und halten Sie es scharf.
Wir unterscheiden zwei Hauptkategorien von Werkzeugen: Scheren (für alles bis ca. 4 cm Durchmesser) und Sägen (für alles darüber).
Astscheren (Pruningscheren)
Astscheren sind für dünnere Äste bis ca. 3 cm Durchmesser ideal und ermöglichen präzise Schnitte. Es gibt zwei Hauptarten:
- Bypass-Scheren: Der Schnitt ist extrem sauber und präzise. Es gibt kaum Quetschungen an der verbleibenden Rinde. Dies ist entscheidend für die Wundheilung. Eine Bypass-Schere ist das ideale Werkzeug für grünes, lebendes Holz.
- Amboss-Scheren: Eine scharfe Klinge drückt das Holz auf eine breite, flache Gegenlage (den "Amboss") aus Metall oder Kunststoff. Der Vorteil gegenüber Bypass-Scheren ist die bessere Kraftübertragung. Man benötigt weniger Kraft, um härteres Holz zu durchtrennen. Der Nachteil einer Amboss-Schere liegt darin, dass das Holz auf der Amboss-Seite gequetscht wird. Bei lebendem Holz führt dies zu Rindenverletzungen, die schlecht heilen. Eine Amboss-Schere ist ideal für totes, hartes oder trockenes Holz. Im klassischen Obstbaumschnitt ist sie eher selten im Einsatz, es sei denn, man entfernt Totholz.
Astsägen (Pruningsägen)
Wenn Äste zu dick für die Getriebeschere werden (oft ab 4-5 cm), muss gesägt werden. Eine normale Tischler- oder Bügelsäge ist im Baum ungeeignet. Sie benötigen eine spezielle Baumsäge.
Das entscheidende Merkmal: Die Zugzahnung
Moderne Baumsägen arbeiten fast ausschließlich auf "Zug".
- Das Problem bei herkömmlichen Sägen (Stoßsägen): Beim Schieben in frisches, feuchtes Holz verklemmt das Sägeblatt leicht oder verbiegt sich.
- Die Lösung (Zugzahnung): Die Zähne sind nach hinten (zum Griff hin) gerichtet und extrem scharf geschliffen (oft dreifach gehärtet). Der Schnitt erfolgt nur, wenn Sie die Säge zu sich heranziehen. Beim Vorschieben gleitet sie ohne Widerstand zurück.
- Der Vorteil: Dies ermöglicht einen extrem kräfteschonenden, schnellen und vor allem sehr sauberen Schnitt, selbst in nassem Holz. Die Wundfläche wird glatt wie gehobelt.
Die Sägen-Typen:
- Klappbare Sägen: Der unverzichtbare Begleiter in der Hosentasche. Ideal für mittelstarke Äste, an die man gut herankommt.
- Die feste Handsäge mit Köcher: Oft mit einem leicht gebogenen Blatt, was den "Biss" ins Holz verbessert. Wird am Gürtel getragen.
- Die Stangensäge (Teleskopsäge): Für Arbeiten in großer Höhe ohne Leiter. Technischer Hinweis: Die Arbeit mit der Stangensäge erfordert Übung. Da man weit weg vom Schnittpunkt ist, ist die präzise Führung schwieriger. Achten Sie auf eine hochwertige, steife Teleskopstange, um die Kraftübertragung zu gewährleisten. Viele Modelle haben am oberen Ende einen Haken, um abgesägte Äste aus der Krone zu ziehen.
- Bogensägen: Für sehr dicke Äste, mit austauschbarem Blatt. Geeignet für professionelle Arbeiten.
- Akkubetriebene Ast bzw. Kettensägen: Für starke Äste. Diese Sägen fordern eine erhöhte Vorsicht im Umgang und Schutzkleidung (Handschuhe, Brille), da das Verletzungsrisiko hoch ist. Es ist hilfreich sich vor dem Kauf auf einem Vergleichsportal zu informieren. Die Preise für Akku-Astsägen liegen, je nach Modell, Hersteller und Ausführung zwischen 30 und 400 Euro.
Schnitttechniken: Wo und wie wird geschnitten?

Ein perfekter Schnitt auf den Astring. Der verdickte Astkragen am Stamm wurde nicht verletzt, und es wurde kein Stummel stehen gelassen. Diese Wunde kann der Apfelbaum optimal verschließen.
Die beste Säge nützt nichts, wenn der Schnitt an der falschen Stelle erfolgt. Das Ziel ist, die natürliche Wundheilung des Baumes zu unterstützen. Der Baum heilt Wunden nicht durch Zellneubildung wie wir Menschen, sondern durch "Überwallung" vom Rand her.
Die Goldene Regel: Auf Astring schneiden
An der Basis eines jeden Astes, dort wo er aus dem Stamm oder einem dickeren Ast entspringt, befindet sich eine leichte Verdickung – der sogenannte Astring oder Astkragen. In diesem Bereich sitzen die teilungsfähigen Zellen, die für die Wundheilung zuständig sind.
- Falsch: Der "Kleiderhaken" (Stummel): Lassen Sie einen Stummel stehen, trocknet dieser ein und stirbt ab. Er wird zum Einfallstor für Fäulnis, die tief in den Stamm eindringen kann.
- Falsch: Der "Stammschnitt" (Plan): Schneiden Sie zu tief, direkt plan am Stamm, verletzen Sie den Astring. Die Wunde wird unnötig groß und heilt schlecht.
- Richtig: Der Astring-Schnitt: Setzen Sie die Säge oder Schere so an, dass der Astring am Baum verbleibt, aber kein Stummel darüber hinaussteht. Der Schnitt erfolgt leicht schräg von oben nach unten, weg vom Stamm.
Der Drei-Stufen-Schnitt bei schweren Ästen
Wenn Sie einen schweren, dicken Ast einfach von oben absägen, wird er kurz vor Ende des Schnitts durch sein Eigengewicht abbrechen. Dabei reißt er oft einen langen Streifen Rinde am Stamm mit ab – eine katastrophale Verletzung für den Baum.
Um dies zu verhindern, wenden Sie bei Ästen ab ca. 5 cm Durchmesser den Drei-Stufen-Schnitt an:
- Der Entlastungsschnitt (unten): Sägen Sie den Ast etwa 20-30 cm vom Stamm entfernt von der Unterseite her zu etwa einem Drittel ein.
- Der Trennschnitt (oben): Sägen Sie nun wenige Zentimeter weiter außen (vom Stamm weg) von oben durch den Ast. Wenn der Ast bricht, stoppt der Riss am unteren Einschnitt. Der schwere Teil fällt kontrolliert.
- Der finale Astring-Schnitt: Nun haben Sie nur noch einen handlichen Stummel vor sich. Diesen können Sie nun präzise und ohne Gewichtsbelastung sauber am Astring absägen.
Ableiten statt Kappen
Wenn ein Ast zu lang ist, sollte er nicht einfach irgendwo in der Mitte gekappt werden (was zu besenartigem Neuaustrieb führt). Er wird "abgeleitet".
- Technik: Man schneidet den Ast direkt über einem schwächeren Seitenast ab, der in die gewünschte Richtung (meist nach außen) zeigt. Die Wuchskraft wird nun sanft in diesen Seitenast umgelenkt.
Zusammenfassung und Hygiene
Der winterliche Obstbaumschnitt ist eine Kombination aus biologischem Verständnis und handwerklichem Geschick. Die Investition in hochwertige Bypass-Scheren und Zugsägen zahlt sich durch gesündere Bäume und leichtere Arbeit aus.
Ein letzter technischer Tipp zur Hygiene: Wenn Sie an Bäumen arbeiten, die Anzeichen von Krankheiten (z.B. Obstbaumkrebs oder Feuerbrand) zeigen, müssen die Klingen der Werkzeuge zwischen den Bäumen – besser noch zwischen den Schnitten – desinfiziert werden (z.B. mit 70%igem Alkohol oder Spiritus), um eine Übertragung auf gesunde Bäume zu verhindern.
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